Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27.7.2016

Dünndarmfehlbesiedelung und ihre Behandlung




Wenn Verdauungsbeschwerden wie vor allem Blähungen und weiche Stühle bis hin zu Durchfällen immer wieder und vor allen meist schon nach einer sehr kurzen Zeit nach jeder Mahlzeit auftreten, ist es möglich, dass eine Dünndarmfehlbesiedelung (DDFB) vorliegen könnte.

In Zeiten der »Selbstbehandlung durch das Internet«, in der viele Menschen mit entsprechenden Problemen im WorldWideWeb nach möglichen Ursachen und einer Behandlung suchen, erlebt die DDFB derzeit jedoch einen wahren Boom: In den einschlägigen Foren gibt es kaum einen Beitrag, bei dem nicht irgendwann die »Diagnose« Dünndarmfehlbesiedelung genannt wird.

Aus diesem Grunde ist es wichtig, dass Sie sich bei einem eventuellen Verdacht umfassend über die Hintergründe, über die Ursachen und über Behandlungsmöglichkeiten informieren, bevor Sie sich zum einen Sorgen machen und zum anderen überflüssige Diagnostiken und Behandlungen in Kauf nehmen, die u.U. gar nicht erforderlich sind. Auf dieser Seite möchte ich Ihnen einen Überblick geben.
 

Definition
Der Dünndarm beherbergt – wie auch der Dickdarm – bestimmte Bakterien. Beim Dickdarm kennen wir die Bakterien als die so genannte »Darmflora« (auch Mikrobiota oder Mikrobiom genannt). Die Darmflora besteht aus vielen verschiedenen Bakterienarten – je weiter die Erforschung dieses interessanten Bereichs fortschreitet, desto mehr Bakterienarten werden entdeckt. Derzeit geht man von 500 – 1000 verschiedenen Bakterienarten aus, die die Dickdamflora besiedeln. Alle zusammengenommen zählt die Dickdarmflora schätzungsweise etwa hundert Milliarden (1011) bis eine Billion (1012) einzelne Mikroorganismen pro Gramm Kot. Zusammen wiegt das Dickdarmbiom etwa 1 – 2 Kilogramm. Nicht nur wegen dieser Menge, vor allem aber auch wegen der wichtigen Funktionen, für die das Mikrobiom im menschlichen Körper verantwortlich ist, wird sie auch als ein selbstständiges Organ angesehen.

Im Dünndarm siedeln nicht nur sehr viel weniger Bakterien. Hier sind es »nur« etwa eintausend (103) bis zehn Millionen (107) Bakterienindividuen pro Gramm Stuhl, und es sind wesentlich weniger verschiedene, vor allem aber auch andere Arten von Bakterien. Im Dickdarm herrschen die so genannten anaerobischen Bakterienarten vor, im Dünndarm sind es eher die Aerobier wie z.B. die Lactobacillen.

Sowohl im Dünndarm als auch im Dickdarm haben alle Bakterienarten ihre ganz spezifischen Funktionen. Geraten nun Bakterien aus dem Dickdarm nach oben in den Dünndarm, arbeiten sie trotzdem weiter in der für sie typischen Weise. Das ist so natürlich eigentlich nicht vorgesehen und hat logischerweise Beschwerden zur Folge.

Die Fehlbesiedelung des Dünndarms wird auch als SIBO oder SIBOS bezeichnet. Diese Bezeichnungen leiten sich von den englischen Begriffen »Small bowel (bacterial) overgrowth« bzw. »Small intestine overgrowth syndrome« her.
 

Ursachen
Der Dünndarm ist gegenüber dem Dickdarm mit einer Ventilklappe, der Ileozökalklappe, abgeschlossen (Ileum = Krummdarm. Das terminale Ileum ist das letzte Stück des Dünndarms; Coekum = Blinddarm, d.h. das erste Stück des Dickdarms). Weitere Bezeichnungen für dieses Ventil sind »Bauhin'sche Klappe« oder »Dickdarmklappe«. Eine korrekt funktionierende Ileozökalklappe lässt den Speisebrei nur von oben, vom Dünndarm, nach unten in den Dickdarm hindurch und soll den Rückstrom von Kot aus dem Dickdarm in den Dünndarm verhindern. Somit sollten bei normaler Funktion dieser Klappe auch keine nennenswerten Mengen an Dickdarmbakterien in den Dünndarm gelangen.

Wenn nun jedoch dieses Ventil nicht mehr richtig schließt, können eben doch Bakterien von unten nach oben gelangen. Diese können beispielweise mit kleineren Stuhlmengen oder – was häufiger der Fall ist – durch Blähungen in den Dünndarm transportiert werden.

Ursachen hierfür gibt es mehrere: Meist sind es vermehrte Blähungen, die die Ileozöklaklappe »ausleiern« – durch den Druck von unten wird das Ventil geöffnet, und Bakterien können aufsteigen. Vermehrte Blähungen sind meist Begleiterscheinungen von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. Ungefährlich ist in dieser Beziehung ein normaler Verzehr von blähenden Nahrungsmitteln wie Hülsenfrüchten, Kohl oder Zwiebeln – hier nimmt die Dickdarmklappe nicht gleich Schaden.

Aber auch andere Erkrankungen wie z.B. eine Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie z.B. Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa oder auch eine verlangsamte Darmpassage können zu einer Schädigung und/oder zur Erschlaffung der Ileozökalklappe und damit zu einer Dünndarmfehlbesiedelung führen.
 

Symptome
Wie oben beschrieben, treten bei einer DDFB insbesondere Blähungen, weiche, häufige Stühle oder auch Durchfälle auf. Im Gegensatz zu den typischen Beschwerden, die durch Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten verursacht werden, treten die Symptome meist schon nach einer sehr kurzen Zeit nach einer Mahlzeit auf. Der Zusammenhang erklärt sich wie folgt:

Wenn mit der Nahrung Zucker aus dem Magen in den Dünndarm gelangt, wird dieser hier normalerweise enzymatisch aufgespalten, verarbeitet und ins Blut aufgenommen. Nur die unverarbeiteten Zuckerreste geraten in den Dickdarm, wo sie von den dortigen Bakterien verstoffwechselt werden. Diese Reste sind jedoch – sofern keine Kohlenhydrat-Unverträglichkeit (z.B. Laktose-, Fruktose-, Sorbit-Intoleranz) vorliegt, mengenmäßig sehr gering und erzeugen kaum bemerkbare Probleme.

Befinden sich nun im Dünndarm Bakterienarten aus der Dickdarmflora und diese in einer sehr viel dichteren Anzahl und vor allem auch bereits im oberen Abschnitt der Dünndarms (im Zwölffingerdarm), üben diese Bakterien bereits hier Funktionen aus, die üblicherweise erst im Dickdarm stattfinden würden: Gelangt Zucker mit der Nahrung in den Dünndarm, »stürzen sich« die Bakterien darauf und verstoffwechseln ihn, bevor die enzymatische Verdauung greifen kann.

Dies ist auch der Grund, warum die Symptome bereits sehr schnell nach der Mahlzeit auftreten, denn die Nahrung gelangt ja sehr viel rascher in den Dünndarm als in den Dickdarm. So sind Beschwerden, die ja auch für Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten typisch sind, aufgrund des zeitnahen Auftretens gut einer DDFB zuzuordnen.
 

Diagnose
Nicht nur die Symptome und die Zeiträume geben einen Hinweis darauf, ob eine Dünndarmfehlbesiedelung vorliegen könnte. Es gibt auch Tests, mit denen der Arzt eine Diagnose erhärten kann.

Hierzu wird ein Wasserstoff-Atemtest mit 80g in Wasser gelöster Glukose durchgeführt. Bei der Besiedelung des Dünndarmes mit »normalen«, Bakterienarten würde Glukose komplett über die Dünndarm-Schleimhaut aufgenommen. Bei einer DDFB liegt jedoch eine unnatürliche Besiedelung mit wasserstoffproduzierenden Bakterienarten im Dünndarm vor. Deshalb steigt der Wasserstoffgehalt in der Ausatemluft beim Glukose-Test schnell und stark an. Lesen Sie hierzu bitte auch den Beitrag »Wasserstoff-Atemtest mit Glukose«.

Auch wenn bei anderen Wasserstoff-Atemtests, die z.B. zur Diagnose von Laktose-, Fruktose- oder Sorbit-Unverträglichkeiten durchgeführt werden, der Wasserstoffgehalt in der ersten halben Stunde stark ansteigt kann dies unter bestimmten Bedingungen ein Hinweis auf eine DDFB sein. Hierbei ist dann der genaue Verlauf der Messkurve zu berücksichtigen, denn aus diesen Werten kann man nicht nur schlussfolgern, ob eine DDFB vorliegt, sondern auch, ob die Ileozökalklappe noch weitestgehend intakt oder schon defekt ist. Im letzteren Fall könnte eine so genannte »Back-Wash-Ileitis« hinzukommen, bei der Kotbrei um die Ileozökalklappe hin und her spült. Dabei kann sich das letzte Stück des Dünndarms, das terminale Ileum entzünden, wobei hier weitere Beschwerden als Indiz hinzukommen. Am besten klärt dies ein Spezialist, der die entsprechenden Messwerte korrekt zu interpretieren weiß.
 

Behandlung
Standardmäßig wird die Dünndarmfehlbesiedelung mit Antibiotika behandelt. Hierbei werden die Bakterien abgetötet, die den Dünndarm besiedeln. Leider wird durch diese Behandlung jedoch auch die Dickdarmflora stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass die Regeneration meist sehr langwierig ist und auch nicht ohne Folgesymptome abläuft.

Besser und nebenwirkungsärmer ist die Behandlung mit natürlichen Mitteln, die nur mild antibiotisch wirken und weniger unerwünschte Nebenwirkungen haben. Leider hat sich diese alternative Behandlungsmethode unter Gastroenterologen bisher nur zögerlich durchgesetzt.

Nach jeder Antibiose – auch nach der der natürlichen Antibiose – müssen die Darmschleimhaut und die Darmflora wieder aufgebaut werden – auch hier können natürliche Mittel wie geeignete Probiotika und auch Vitalpilze zum Einsatz kommen.

Bitte »basteln« Sie hier jedoch nie auf eigene Faust, sondern lassen Sie sich fachgerecht beraten.

Begleitend ist es auf jeden Fall erforderlich, die Ernährung umzustellen und anzupassen. Aus den Zuckerverzehr sollte man in der Behandlungsphase weitestgehend reduzieren, und auch nach der Behandlung sollte weniger Zucker verzehrt werden. Darüber hinaus ist zu schauen, ob evtl. Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten vorliegen, die ernährungsmäßig zu beachten sind. Erst, wenn die Nahrung verträglich ist und keine Verdauungsstörungen wie Blähungen oder weiche Stühle mehr auftreten, kann sich die bakterielle Besiedelung des gesamten Darms regenerieren und normalisieren. Weiterhin kann sich nur bei Symptomfreiheit eine geschädigte Ileozökalklappe erholen, um so zu verhindern, dass erneut Dickdarmbakterien in den Dünndarm aufsteigen.
 

Die 6 Behandlungssäulen
Insgesamt basiert eine erfolgreiche Behandlung auf sechs gleich wichtigen Säulen:

Korrekte Diagnose
Eine korrekte Diagnose sollte auf der einen Seite alle erforderlichen Maßnahmen umfassen, auf der anderen Seite aber belastende und oft auch überflüssige und vielleicht sogar kostenträchtige Untersuchungen vermeiden.

Antibiose
Um die unerwünschten Bakterien aus dem Dünndarm zu entfernen, stehen verschiedene Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung. Sie können sich zwischen allopathischen (pharmazeutischen) oder natürlichen Mitteln entscheiden.

Behandlungsbegleitende Maßnahmen
Gleichzeitig mit der Antibiose sind verschiedene behandlungsbegleitende Maßnahmen erforderlich, um den Bakterien im Dünndarm die Lebensgrundlage zu entziehen. Eine der wichtigsten Maßnahmen ist u.a. eine adäquate Ernährung mit der Beachtung eventueller Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten.

Sanierung der Darmschleimhaut
Im Anschluss an die Antibiose bzw. idealerweise ein wenig überschneidend muss die Darmschleimhaut saniert werden, die mit Sicherheit geschädigt und durchlässig ist.

Sanierung der Dickdarmflora
Nach der Sanierung der Darmschleimhaut muss die Dickdarmflora wieder in ein gesundes Gleichgewicht gebracht werden.

Gesunderhaltung der Darmflora
Während und im Anschluss an die Behandlung müssen dauerhafte Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Darmflora beachtet werden, um einen nachhaltigen Erfolg und die größtmögliche Sicherheit vor Rückfällen gewährleisten.





Lesen Sie hierzu bitte auch folgende Beträge:
Diagnose der Laktose-Intoleranz (mit weiteren Atemtests)
Dünndarmfehlbesiedelung als Ursache des Reizdarm-Syndroms
Darmpflege: Gesunder Darm – gesunder Mensch
Gesunde Verdauung
Pflege der Darmschleimhaut
Pflege der Darmflora
Sanierung der Darmflora
Parasiten- und Pilzbesiedelung des Darms
Genussmittel bei Darmempfindlichkeit
Probiotische Gärgetränke
Vitalpilze



Empfehlenswerte Literatur:
Dünndarmfehlbesiedelung
erkennen, verstehen, erfolgreich behandeln


mehr zum Buch ...




Empfehlung:
Eine zusätzliche Hilfe bei der Ermittlung geeigneter Lebensmittel
während und nach der Behandlung einer Dünndarmfehlbesiedelung ist die
»DorisPaas.de – Lebensmittel-Datenbank«
Informieren Sie sich hier.






 

Zum Thema »Dünndarmfehlbesiedelung« biete ich Schulungen speziell für Mediziner, Heilpraktiker, Ernährungs- und Gesundheitsberater und ihr Praxispersonal an.

Bitte klicken Sie hier für mehr Informationen