ZÖLIAKIE UND GLUTEN-UNVERTRÄGLICHKEIT
Zöliakie und Gluten-Unverträglichkeit sind beides Formen einer Unverträglichkeit
gegenüber dem Getreideeiweiß Gluten (sprich Glutehn, mit Betonung auf der
zweiten Silbe).
Gluten ist in den Getreidesorten Weizen, Roggen und Gerste und deren Abkömmlingen
Dinkel, Grünkern, Emmer, Einkorn und Kamut enthalten. Hafer enthält
eigentlich kein Gluten, durch Verunreinigungen mit anderen Körnern sind jedoch
auch in Haferprodukten geringe Mengen an Gluten enthalten, und somit ist auch Hafer
(zumindest aus deutscher Produktion) für Zöliakie-Betroffene nicht geeignet.
Gluten ist auch unter dem Beinamen »Klebereiweiß« bekannt, weil es
beim Backen klebende Eigenschaften hat und u.a. Brotteig zusammenhält. Gebäck
aus Getreidearten, die frei von Gluten sind, ist eher bröckelig und schwerer
zu verbacken.
Da vor allem Weizen, aber auch Roggen und Gerste aufgrund dieser günstigen
Eigenschaften als Brot- und Backgetreide, und darüber hinaus auch für
Nudeln und andere Teigwaren vermehrt eingesetzt werden, ist unsere Nahrung sehr
stark glutenhaltig.
Aufgrund der Bindefreudigkeit wird Gluten von der Nahrungsmittelindustrie auch
als technischer Hilfsstoff in allen möglichen Nahrungsmitteln wie Wurst- und
Fleischwaren, Milchprodukten und Käse, aber auch in Gewürzen und Tee
und sogar in Medikamenten verwendet es gibt keine industriell bearbeitete
Nahrungsmittelgruppe, die garantiert frei von Gluten ist.
Gluten-Unverträglichkeit
Früher, als die Nahrung der Menschen neben etwas erjagtem Fleisch vor allem
aus gesammelter pflanzlicher Nahrung bestand, wurden einzelne Getreidekörner
verzehrt. Die Getreidesorten trugen damals auch nur einzelne Körner (daher
der Name der Weizen-Urform »Einkorn«). Die dicken, schweren Ähren
wurden erst in der Neuzeit gezüchtet, als mit der Sesshaftigkeit verstärkt
Ackerbau betrieben wurde. Durch die nun leichtere Ernte enthielt die Nahrung vermehrt
Getreide, insbesondere Weizen, und damit mehr und mehr Gluten.
Da auch das Verdauungssystem von Menschen ohne eine Zöliakievorbelastung nicht
auf solche Glutenmengen eingerichtet ist, gibt es immer mehr Menschen, die Probleme
damit haben sie leiden an einer Gluten-Unverträglichkeit mit allen auch
von anderen Intoleranzen bekannten Symptomen wie Blähungen, Bauchschmerzen,
Durchfällen und anderen Beschwerden. Diese sind wie bei allen anderen
Unverträglichkeiten auch, mengenabhängig und verschwinden relativ schnell
mit dem Einschränken oder gänzlichen Meiden von glutenhaltigen Getreideprodukten,
ohne dauerhafte, körperliche Schäden zu hinterlassen.
Zöliakie
Die Zöliakie ist eine Form von Gluten-Unverträglichkeit, bei der jedoch noch autoimmune
Reaktionen des Körpers hinzukommen. Neben den Unverträglichkeitsreaktionen,
die oben beschrieben wurden, treten hier noch zusätzliche selbstzerstörerische
Reaktionen auf, d.h. das Immunsystem erkennt unter der Einwirkung von Gluten die
Dünndarmschleimhaut als Fremdkörper und bekämpft deren Zellen.
Somit führt eine unbehandelte Zöliakie nach und nach zur Abflachung und
letztendlich zur Auflösung der Schleimhautzotten im Dünndarm, die eigentlich
erforderlich sind, um die Oberfläche des Darmes so weit zu vergrößern,
dass sämtliche Bestandteile aus dem Nahrungsbrei verdaut und ins Blut aufgenommen
werden können. Ist die Schleimhaut dermaßen geschädigt, treten
logischerweise Defizite bei der Ernährung auf, der Patient nimmt stark an
Gewicht ab, und auch die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen ist mangelhaft.
Hieraus resultieren diverse Symptome und teilweise auch schwere Folgeerkrankungen.
Da Gluten, wie oben beschrieben, in so gut wie allen Nahrungsmittelgruppen enthalten
sein kann, ist der Zusammenhang von Beschwerden mit einem bestimmten Verursacher
oftmals schwer herzustellen, und die Betroffenen haben meistens einen recht langen
Leidensweg hinter sich, bevor die Diagnose »Zöliakie« gestellt wird.
Fachausdrücke für Zöliakie sind auch »Glutensensitive
Enteropathie« oder »Einheimische Sprue«, wobei der Ausdruck »Sprue«
(sprich Spruh) früher nur für Erwachsene benutzt wurde. Heute wird jedoch
die Bezeichnung Zöliakie sowohl für Kinder als auch für erwachsene
Erkrankte einheitlich benutzt. Neben dem Auslöser Gluten ist die Ursache der
Erkrankung genetisch bedingt und kann bis heute noch nicht ursächlich behandelt, d.h.
geheilt werden. Die Anzahl der Betroffenen kann nur sehr schwer benannt
werden, denn es gibt aufgrund der verzögerten Diagnosestellung und dem oftmals
besonders bei Erwachsenen schleichenden Beginn der Erkrankung eine sehr
große Dunkelziffer geschätzt wird, dass in Europa etwa einer
von 100-500 Bürgern von Zöliakie betroffen ist.
Diagnose
Die Diagnose wird unter einer glutenhaltigen Kost mithilfe der Bestimmung von
Antikörpern gegen das Enzym Tissue-Transglutaminase (tTg) im Blut gestellt.
Weiterhin muss eine Dünndarmbiopsie durchgeführt werden, bei der im Zuge
einer Magenspiegelung vom oberen Teil des Dünndarms, dem Zwölffingerdarm,
Proben entnommen und histologisch begutachtet werden. Je abgeflachter die Darmzotten
sind, desto wahrscheinlicher ist eine Zöliakie. Im Zusammenhang mit dem Wert
der tTg kann dann eine sichere Diagnose gestellt werden.
Hinweis: Eine vorsorglich vor der Diagnostik eingehaltene glutenfreie Kost
würde die Diagnose erschweren, weil die Antikörperaktivität unter
der glutenfreien Kost abnimmt und sich die Darmschleimhaut schon wieder regenerieren
kann. Somit ist die Diagnostik immer nach einer längeren Zeit mit glutenhaltiger
Normalkost vorzunehmen.
Erst, wenn aufgrund des Schleimhautbefunds und der tTg-Werte eine Zöliakie
ausgeschlossen ist, kann mithilfe einer weitestgehend glutenfreien Kost (Karenz)
ausgetestet werden, ob eine Gluten-Unverträglichkeit ohne Zöliakie vorliegt.
Zuvor sollte jedoch auch unbedingt getestet werden, ob andere Unverträglichkeiten
wie eine Laktose- und/oder Fruktose-Unverträglichkeit vorliegen, um diese
Verursacher von Beschwerden auszuschließen oder zu diagnostizieren.
Im Gegensatz zur Zöliakie ist bei der Gluten-Unverträglichkeit weder
eine abgeflachte Darmschleimhaut noch eine Erhöhung der tTg-Antikörper
festzustellen. Und wie bei jeder anderen Unverträglichkeit auch werden Spuren
oder sogar kleinere Mengen des unverträglichen Stoffs, in diesem Falle von
Gluten, die in vielen Nahrungsmitteln enthalten sind, problemlos toleriert, so
dass ein absolutes Meiden nicht erforderlich ist.
Behandlung
Die Behandlung der Gluten-Unverträglichkeit und der Zöliakie besteht im
Meiden von Gluten jedoch in unterschiedlichen Ausprägungen.
Bei der Gluten-Unverträglichkeit reicht es, den Verzehr von Gluten weitestgehend
zu meiden. Kleinere Mengen vor allem aber Spuren von Gluten werden
in den allermeisten Fällen toleriert, ohne dass Beschwerden auftreten. Somit
reicht es, die Hinweise auf den Lebensmittelverpackungen zu studieren, denn die
Deklaration von Gluten ist auf verpackten Nahrungsmitteln gesetzlich vorgeschrieben,
sofern nicht ein Glutengehalt durch die aufgeführten Inhaltsstoffe Weizen,
Roggen und/oder Gerste auf der Hand liegt.
Bei unverpackten Produkten (beim Bäcker, Metzger oder an Imbissbuden und in
Restaurants und Kantinen) müssen Menschen mit Gluten-Unverträglichkeit
immer fragen, ob die Nahrungsmittel Gluten enthalten. Im Zweifelsfalle ist es besser,
sich für eine Alternative zu entscheiden.
Bei der Zöliakie heißt die wichtigste Behandlungsform ebenfalls Meiden von
Gluten jedoch ist hier ein absolutes, striktes Meiden erforderlich. Selbst
kleinste Spuren von Gluten führen nicht nur unweigerlich wieder zu Beschwerden,
zusätzlich wird auch die Darmschleimhaut weiter oder wieder geschädigt,
weil der autoimmune Zerstörungsprozess sofort wieder einsetzt. Sobald die
Nahrung keinerlei Gluten mehr enthält, kann sich die geschädigte Darmschleimhaut
wieder regenerieren, was je nach Vorschädigung allerdings Monate bis sogar
Jahre dauert. In besonders schweren Fällen, in denen eine jahrzehntelange
Schädigung durch eine unentdeckte Zöliakie vorliegt, wird sich die
Darmschleimhaut eventuell nicht wieder bis zu ihrer vollen Stärke, sondern
nur zum Teil regenerieren können.
Zusätzlich zur absoluten Glutenkarenz sind bei einer Zöliakie oftmals auch begleitende,
vorübergehende Nahrungsergänzungen mit Vitaminen und/oder Mineralstoffen
erforderlich, solange die geschädigte Darmschleimhaut noch nicht in der Lage
ist, die Nahrung korrekt und gänzlich zu verdauen. Hier ist immer eine genaue
Diagnostik durch den behandelnden Arzt erforderlich, um dann die fehlenden Vitalstoffe
zu identifizieren und gezielt zuzuführen. Von einer Eigenbehandlung »nach
dem Gießkannenprinzip« ist dringend abzuraten, vor allem auch, weil hier
unbedingt streng glutenfreie Präparate erforderlich sind.
Im Zuge einer unbehandelten Zöliakie treten sehr häufig auch andere
Unverträglichkeiten wie Laktose- und/oder Fruktose- und Sorbit-Intoleranzen
auf, weil die geschädigten Darmschleimhautzellen die für die Verdauung
dieser Kohlenhydrate erforderlichen Enzyme oder Transportproteine nicht mehr oder
nicht mehr ausreichend herstellen können. Hier liegt dann jeweils die
sekundäre Erkrankungsform vor, die jedoch häufig reversibel ist, sobald
sich die Darmschleimhautzellen regeneriert haben.
Spezielle Nahrungsmittel
Mittlerweile hat auch die Nahrungsmittelindustrie die Zöliakie-Betroffenen
als potenzielle Käufergruppe erkannt und bietet eine immer größer
werdende Menge an glutenfreien Produkten an. Diese sind gekennzeichnet durch ein
Symbol mit der durchgestrichenen Ähre. Diese Produkte eigenen sich selbstverständlich
auch für Menschen mit einer Gluten-Unverträglichkeit.
Zusätzlich haben sich diverse Unternehmen auf den Versand von glutenfreien
Produkten spezialisiert teilweise als Teilbereich von Versandhäusern
für Menschen mit allen möglichen Allergien. Hier sind dann mit dem Filter
»Gluten« die benötigten Produkte auswählbar. Und natürlich
können auch Mehrfachfilter gesetzt werden, wenn neben der Zöliakie oder
Gluten-Unverträglichkeit noch weitere Intoleranzen vorliegen. Sehr empfehlenswert
ist u.a. der Querfood-Versand, der im Internet unter www.querfood.de
zu finden ist.
Deutsche Zöliakie Gesellschaft e.V.
Sich wirklich völlig glutenfrei zu ernähren, ist insbesondere am Anfang
gleich nach der Diagnose gar nicht so einfach. Auch wenn es gesetzlich vorgeschrieben
ist, auf verpackten Nahrungsmitteln einen Glutengehalt zu deklarieren, können
doch Kontaminationen auftreten, die (unbeabsichtigt) nicht ersichtlich sind.
Aus diesem Grund ist es ratsam, als Betroffener Mitglied bei der Deutschen Zöliakie
Gesellschaft e.V. zu werden (www.dzg-online.de).
Diese Vereinigung gibt jedes Jahr eine Liste mit all jenen Produkten heraus, die
kein Gluten enthalten und unbedenklich verzehrt werden können (Positiv-Liste).
Für diese Liste gibt es quartalsweise kleinere Updates, so dass man immer sicher
sein kann, wirklich auf dem aktuellen Stand zu sein.
Auch bei einer Gluten-Unverträglichkeit empfiehlt sich zumindest für
eine erste Zeit die Mitgliedschaft bei der DZG, damit man in die glutenfreie
Kost hineinfindet und Fallen vermeiden kann.
Weiterhin gibt die DZG auch unersetzliche Tipps vor allem für die erste
Zeit nach der Diagnose, aber auch für das Zusammenleben (und Zusammenessen)
mit Nichtbetroffenen. Darüber hinaus kann man sich in einem Forum mit anderen
Betroffenen austauschen. Gerade, wenn die nicht ganz einfache Diagnose erst einmal
»verdaut« werden muss, können Tipps von »alten Hasen«
sehr gut weiterhelfen.
Falls es eine Gruppe in Ihrer Nähe gibt, kann ich Ihnen auch den Besuch einer
Selbsthilfegruppe für Zöliakie-Betroffene empfehlen, um sich hier mit
erfahrenen »Zölis« austauschen zu können. Bei der »Nationalen
Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS)« können Sie sich unter
www.nakos.de
über die verschiedenen Selbsthifegruppen in Ihrer Nähe informieren.