Das ganze Leben ist Rhythmus. Wir sind eingebettet in einen natürlichen Rhythmus von Jahreszeiten mit Kälte und Wärme und in einen Rhythmus von Tageszeiten mit
Licht und Dunkelheit.
Auch unser Körper befindet sich im Rhythmus – in einem Rhythmus von Einatmen und Ausatmen, von Wachsein und Schlaf, in einen Rhythmus von Bewegung und Ruhe,
von Anspannung und Entspannung. Auch sämtliche Hormone, die unsere Körperfunktionen steuern – nicht nur die Sexualhormone, folgen einem Rhythmus. Diese
Liste ließe sich noch beliebig erweitern, denn kein Moment des Lebens findet in einem Zustand statt, ohne dass er in einem anderen Augenblick wie auf einer Schaukel
in die Gegenrichtung schwingt.
Einige Rhythmen sind individuell: es gibt die sprichwörtlichen Eulen und Lerchen – erstere schlafen länger und gehen später zu Bett, letztere erwachen früh
am Tage und sind abends schnell müde. Wenn sich diese Verschiebungen in den natürlichen Tagesrhythmus einfügen, ist das völlig in Ordnung.
Auch die Verdauung unterliegt Rhythmen: hier sind es Zeiten von Nahrungsaufnahme und von Nahrungskarenz und Zeiten von Aktivitäten oder auch Ruhe der verschiedenen
Areale des Verdauungstrakts.
Auch die Essenzeiten können individuell sein, und der eine mag sich am meisten auf ein ausgiebiges Frühstück freuen, während der andere eher abends gerne isst.
Wenn dabei die natürlichen Verdauungsrhythmen nicht tangiert werden, haben diese individuellen Vorlieben ihre Berechtigung.
Auch unser Sozialverhalten unterliegt individuellen Rhythmen: es gibt Zeiten von sozialen Aktivitäten und Zeiten des Alleinseins. Solange wir dies aus unserem
freien Willen steuern können, ist das gut und richtig. Erst, wenn wir zu oft und ohne zur Ruhe kommen zu können, in Menschenmengen gezwungen werden oder, im Gegenteil,
ungewollt einsam sind, wirkt sich dies nachteilig auf die Gesundheit aus.
Einatmen und Ausatmen
In der Regel atmen wir unbewusst, und der Körper regelt die Ein- und Ausatmung von selbst. In Ruhe atmen wir langsamer, in Situationen von Anstrengung und Stress schneller.
Es gibt also nicht nur einen Rhythmus von kontinuierlicher Ein- und Ausatmung, sondern auch einen Rhythmus von langsamerer und schnellerer Atmung.
Allerdings können wir den Atemrhythmus auch bewusst steuern. Wir können willentlich langsamer oder auch schneller atmen. Langsamere Atmung wirkt beruhigend auf
das unbewusste Nervensystem und aktiviert den Parasympathikus, unseren »Ruhenerv«. In dieser Ruhe können wir entspannen, und es werden Körperfunktionen
wie zum Beispiel die Verdauung ermöglicht (lesen Sie gerne auch dem Beitrag »
Atem und Verdauung«).
Schnellere Atmung regt den Sympathikus an, unseren »Stressnerv«, so dass mehr Sauerstoff für die archaischen Reaktionen Angriff oder Flucht zur Verfügung
gestellt wird und die dafür erforderliche Muskulatur besser durchblutet wird.
Es ist der Gesundheit abträglich, zu oft zu hektisch zu atmen. In einem solchen Zustand fühlt man sich nicht nur unwohl, es ist auch keine effektive Verdauung mehr
möglich, weil alle Körperfunktionen, die nicht für Flucht oder Angriff, zur Rettung des Lebens erforderlich sind, heruntergefahren werden.
Wachsein und Schlaf
Unter »normalen« Bedingungen steuern das Sonnenlicht am Tage und die Dunkelheit in der Nacht unseren Wach- und Schlafrhythmus. Es werden mit dem Einfall des
Tageslichts über die Netzhaut Hormone wie das Cortisol und Serotonin ausgeschüttet, die uns wach, aktiv und leistungsfähig machen. Nimmt das Tageslicht ab, bildet der
Körper das Hormon Melatonin, das uns schlafen lässt.
Im Schlaf regeneriert sich der Körper. Das Gehirn geht in den »Schlafmodus« und schaltet das bewusste Denken aus. Jetzt ist »nur« noch das
Unterbewusstsein aktiv und kann die im Wachzustand erhaltenen Eindrücke sortieren: Wichtiges wird verfestigt und in dafür vorgesehenen Gehirnarealen abgespeichert.
Unwichtiges wird aussortiert und kann Platz für neue Eindrücke machen. Traumphasen unterstützen diese Verarbeitung und wechseln sich rhythmisch mit Tiefschlafphasen ab,
in denen sich auch der Körper erholt und regeneriert.
Es ist der Gesundheit abträglich, die Nacht zum Tage zu machen, und nicht ausreichend zu schlafen. Gelegentlich eine durchgewachte Nacht ist dabei natürlich nicht schlimm,
aber ständiger Schlafmangel ist sehr nachteilig. Geänderte Tagesabläufe, wie sie zum Beispiel im Schichtdienst vorkommen, sind langfristig gesundheitsschädlich, auch wenn
man unter dem Strich genug Schlaf am Tag nachholt. Die Qualität nicht keineswegs die gleiche, weil die Synchronisation mit dem natürlichen Tag- und Nachtrhythmus fehlt.
Wie oben erwähnt, dürfen die Lerchen und die Eulen durchaus ihren individuellen Vorlieben Rechnung tragen, solange sich diese in einem normalen Rahmen bewegen und den
natürlichen Rhythmen nicht vollkommen zuwiderlaufen.
Die durch die natürlichen Lichtverhältnisse gesteuerten Wach- und Schlafhormone lassen sich auch durch künstlich erzeugte Lichtquellen nicht komplett überlisten und kommen
durch Lichtquellen aus Lampen, Fernsehgeräten und digitalen Medien durcheinander. Selbstverständlich muss niemand »mit den Hühnern« schlafen gehen, und besonders
Unter »normalen« Bedingungen steuern das Sonnenlicht am Tage und die Dunkelheit in der Nacht unseren Wach- und Schlafrhythmus. Es werden mit dem Einfall des
im Winter dürfen wir für die Errungenschaft des elektrischen Lichts dankbar sein, aber sich in normalem Maße dem natürlichen Tagesrhythmus anzupassen, ist auf jeden Fall förderlich.
Anspannung und Entspannung
Anspannung und Aktivität sind genauso wichtig wie Zeiten der Ruhe und Erholung. Wenn die Sonne aufgeht und mit einem hohen Blauanteil des Tageslichts die Hormone
Cortisol und Serotonin gebildet werden, erwachen wir nicht nur, sondern unsere Leistungskurve steigt an. Wir haben jede Menge Energie und sind in der Lage, unser
Tagewerk zu erledigen.
Nach dem Mittagessen gibt es einen kleinen Einbruch in der Leistungskurve. Ein Mittagsschläfchen, so, wie es in den südlichen oder asiatischen Ländern gang und gäbe ist,
würde dem Rechnung tragen. Aber auch kleine Naps, kurze Phasen des Schlafens oder auch nur Abschaltens, können wunderbar zur Entspannung und Erholung beitragen.
Am Nachmittag haben wir ein weiteres Leistungshoch. Gegen Abend, wenn sich die Lichtverhältnisse ändern und ein größerer Rotanteil vorhanden ist, beginnt der Körper,
sich mit der Bildung von Melatonin auf den Schlaf vorzubereiten. Spätestens jetzt sollte die Zeit der Erholung eingeläutet werden.
Je stressiger der Tag, desto öfter sollten in einem gesunden Rhythmus kleinere Entspannungspausen eingelegt werden. Kein Körper kann dauerhaft unter maximaler
Belastung stehen. Genauso, wie ein Motor überhitzt, der zu lange auf Vollgas läuft und Abkühlung benötigt, sollten auch dem Organismus immer wieder Erholungs-
und Entspannungsphasen gegönnt werden, um die optimale Leistung erbringen zu können (lesen Sie gerne auch dem Beitrag »
Entspannung«).
Bewegung und Ausruhen
In jeder Phase des Lebens gibt es einen Rhythmus zwischen Bewegung und Ausruhen. Schauen Sie sich das Herz an: es gibt Phasen der Bewegung, des Zusammenziehens und
Pumpen des Bluts (Systole), und im Gegenzug gibt es die Phasen der Erschlaffung und des Ausruhens (Diastole), in denen sich das Herz wieder mit Blut füllt. Auch die Atmung
findet in einem stetigen Rhythmus zwischen Bewegung und Ausruhen, zwischen Anspannung und Entspannung des Zwerchfells und der Zwischenrippenmuskeln statt.
Es gibt kein Organ im Körper, das nicht solchen Bewegungs- und Ruherhythmen unterworfen ist. All dies sind unwillentliche, vom autonomen Nervensystem
gesteuerte Prozesse.
Wir können aber auch willentlich unsere Muskeln aktivieren und auch ausruhen: jedes Fingerschnippen, jedes Armheben, jeder Schritt kann willentlich gesteuert werden. Wir können
aufstehen, laufen und Sport treiben. Wir können uns aber auch niedersetzen, hinlegen oder ausruhen, um neue Kraft zu tanken.
Mit der willentlichen Aktivität und Ausruhphase können wir sogar unsere eigentlich unwillentlichen Körperfunktionen beeinflussen: während sportlicher Betätigung atmen
wir schneller und unser Herzschlag ändert sich. Wenn wir hingegen ausruhen, verlangsamen sich Atmung und Herzschlag.
Es ist also wichtig, auch bei Bewegung und Ausruhen einen gesunden Rhythmus einzuhalten, um alle Körperfunktionen und damit auch den Geist flexibel zu halten.
Essen und Nahrungskarenz
Auch die Nahrungsverarbeitung unterliegt einem Rhythmus. Viele Menschen essen ständig. Nicht nur die Hauptmahlzeiten werden eingenommen, sondern zwischendurch wird
immer wieder gesnackt. Das wirkt sich sehr nachteilig auf unser Verdauungssystem aus, das von Natur aus auf regelmäßige Essenspausen ausgelegt ist.
Alle Phasen der Verdauung bauen aufeinander auf und sollten sich idealerweise nicht überlappen. Jede Phase der Verdauung hat ihre ganz besondere Funktion: erreicht
Nahrung den Magen, wird Magensäure gebildet, die aufgenommene Fremdkeime abtötet und erste Nahrungsaufspaltungen vornimmt. Gelangt der so vorbereitete Speisebrei
in den Dünndarm, werden dort Sekrete aus den Verdauungsdrüsen hinzugegeben und die Nahrungsbestandteile weiter aufgespalten, um so zerlegt über die Schleimhaut
ins Blut gelangen zu können. Unverdaute Reste gelangen in den Dickdarm, wo letzte Inhaltsstoffe von den Darmbakterien verarbeitet werden. Was übrig bleibt, wird
dann ausgeschieden – idealerweise in einem möglichst täglichen, gesunden Rhythmus.
Wenn Magen und Dünndarm leer sind, setzen Reinigungsprozesse ein, die diese Abschnitte des Verdauungssystems säubern und für die nächste Nahrungsaufnahme vorbereiten.
Gesteuert wird der gesunde Ablauf nicht nur durch verschiedene Hormone – eigentlich auch unser Hunger- und Sättigungsgefühl, sondern an den entsprechenden
Darmabschnitten auch durch einen spezifisch auf die erforderliche Funktion abgestimmten Säuregrad in dem betreffenden Darmabschnitt. Enzyme zum Beispiel, die
bestimmte Nahrungsbestandteile aufspalten sollen, brauchen ihre jeweiligen individuellen Säuregrade, die sich genau mit dem Zeitpunkt des Durchlaufs des Speisebreis
durch die Verdauungssäfte bilden können.
Durch zwischen den Mahlzeiten eingenommene Snacks werden diese aufeinander aufbauenden Prozesse gestört: die Säuregrade können sich nicht ausreichend ausbilden,
und die Enzyme können nicht effektiv wirken und die Nahrungsbestandteile aufspalten. Die Reinigung unterbleibt und es entstehen Überwucherungen mit unerwünschten
Keimen bilden können. Der gesamte Verdauungsprozess ist gestört.
Aus diesem Grunde ist es wichtig, jedem Durchlauf der Verdauung ihre Zeit zu geben und durch einen Rhythmus von Nahrungsaufnahme und Nahrungskarenz die erforderlichen
Ruhe- und Zwischenphasen nicht zu stören (lesen Sie gerne auch dem Beitrag »
Gesunde Verdauung«).
Fazit
Das Leben findet in Rhythmen statt. Es gibt die vorgegebenen Rhythmen wie Tag und Nacht, die Rhythmen von Hormonen und Verdauungsprozessen, und es gibt die
individuellen Rhythmen wie den Bedürfnissen nach Aktivität und Ruhe.
Da alle Rhythmen ineinandergreifen, denen wir ohne unser Zutun ausgesetzt sind und auch die, die wir beeinflussen können, ist es wichtig, diese Rhythmen nicht
zu stören oder zu konterkarieren und sie mit unseren Verhaltensweisen zulassen und zu ermöglichen und in einem ausgewogenen Gleichgewicht zu halten.
Natürlich gibt es Phasen im Leben, in denen wir den natürlichen Rhythmen nicht folgen können – sei es, wenn wir beruflich bestimmte Vorgaben beachten müssen,
oder sei es, dass familiäre Belastungen unseren Tagesablauf bestimmen.
Aber es gibt immer Möglichkeiten, dem entgegenzusteuern und einen Ausgleich zu finden – selbst wenn die Maßnahmen nur »klein« sind. Auch kleine
Erholungsphasen helfen, sich zu entspannen. Und sich den einen oder anderen Snack zu verkneifen und Esspausen einzuhalten, sollte möglich sein.
Es ist auch nicht erforderlich, sich vorgegebenen oder selbst auferlegten Rhythmen sklavisch zu unterwerfen, aber sie im Auge zu behalten, ist von Vorteil.
Deshalb meine Empfehlung: ziehen Sie Bilanz und schauen Sie, wo Sie stehen und welche Stellschrauben zur Veränderung es gibt – und zu welchen Veränderungen
Sie bereit sind.
Jeder Schritt in die richtige Richtung bringt Sie weiter. Je mehr wir im Einklang mit den natürlichen
und mit den individuellen Rhythmen leben, desto
gesünder sind wir und umso wohler fühlen wir uns.
Lesen Sie auch folgende Beträge:
Atem und Verdauung
Entspannung
Gesunde Verdauung
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